Veröffentlichung in der Bürgerzeitung Ausgabe Juni 1999
Freie Wähler Kolbermoor feierten 25-jähriges Vereinsbestehen
Im Gasthaus Stadlerbräu feierten
die Freien Wähler Kolbermoor ihr 25-jähriges Vereinsbestehen.
Zu Beginn der Feier gab 1. Vorsitzender Rainer Laukemper einen kurzen Überblick
über den Werdegang der Freien Wähler seit der Vereinsgründung.
Desweiteren hob Laukemper die neutrale Position der Freien Wähler
hervor und fand darin die Erklärung, warum sich eine parteifreie Vereinigung
nicht parlamentarisch an Wahlen beteiligen kann.
Positives Wirken der Freien
Wähler von den Parteien gewürdigt
Bereichert wurde die Feier durch
die Grußworte des 1. Bürgermeisters Ludwig Reimeier und Sprecher
der Parteien. Bürgermeister Ludwig Reimeier hob die sachliche und
faire Zusam-menarbeit mit den Freien Wählern hervor. Franz Fuchs,
Fraktionssprecher der SPD, bedankte sich für gemeinsam erarbeitete
Projekte durch die Überreichung einer Geburtstagstorte. Auch CSU-Sprecher
Peter Glas und die Sprecherin der Grünen-Liste Katharina Meidinger
bedank-ten sich für das positive Wirken der Freien Wähler und
die gute Zusammenarbeit.
Örtliche Gemeinschaft ist
das Programm der Freien Wähler
Kreisvorsitzender der Freien Wähler
Dieter Kannengießer betonte, daß die Hauptaufgabe der Freien
Wähler die örtliche Gemeinschaft ist. Die Lösung dieser
Aufgaben sei überschaubar und sollte mitverantwortet werden. "Die
Freien Wähler geben Bürgern ohne Parteibuch eine Möglichkeit,
sich an der kommunalen Selbstverwaltung zu beteiligen", so Kannengießer.
Gelungene Einlage der Inntaler
Bauernbühne
Vor der Festrede sorgte die Inntaler
Bauernbühne durch ihre Einlage des Einakters "Der Firmling" für
eine gelungene Abwechslung. Die lustige Darbietung des Stückes von
Karl Valentin wurde mit viel Applaus belohnt.
Ehrenvorsitzender des FW-Kreisverbandes
Dr. Martin Geiger begeisterte mit Jubiläumsansprache
Anläßlich der Vereinsgründung
der Freien Wählervereinigung Kolbermoor vor 25 Jahren be-leuchtete
der Bürgermeister der Stadt Wasserburg, Dr. Martin Geiger, als Festredner
das „Selbstverständnis der Freien Wähler im Wandel der Geschichte“.
Aufmerksam folgten Bürgermeister
Ludwig Reimeier, zahlreiche Stadträte sowie Vorstände der Kolbermoorer
Vereine als geladene Gäste den schlüssigen, bisweilen philosophisch-analytischen
Gedanken des ehemaligen Kreisvorsitzenden und jetzigen Ehrenmitglieds der
Freien Wählervereinigung.
Er beschrieb sich selbst als „
Geburtshelfer“ der Kolbermoorer Gruppierung, mit deren vier Stadtratsmitgliedern
als Kern er vor 25 Jahren sogleich versuchte, auch Kandidaten für
die anstehenden Kreistagswahlen zu gewinnen. In diesem, je nach Betrachtungswinkel
kurzen oder langen Zeitraum, vollzog sich nach seiner Meinung ein so rasanter,
tiefgreifender Wan-del wie in keiner gleich langen Epoche jemals zuvor:
personell, gesellschaftlich, wirtschaft-lich und politisch. Dr. Geiger
belegte das ausführlich anhand der Schlag- worte Europa, Öff-nung
nach Osten oder Globalisierung. Dieser Wandel bewirke ebenso eine Veränderung
vor Ort und zwinge auch die Freie Wählergruppe ständig ihr Selbstverständnis
zu überdenken.
Epochal in etwa Vierteljahrhundert-Schritten
die deutsche Geschichte betrachtend, entdecke der Vortragende
die Wurzeln der Freien Wähler sowohl in der Weimarer Republik als
auch unmittelbar in der Nachkriegszeit. Zu Beginn der jungen Demokratie
saßen mangels 5%-Klausel, für uns heute unvorstellbar, 50-60
unterschiedliche Gruppierungen als Interessensvertretungen in Länderparlamenten
oder im Reichstag. Sie stellten oft nur lokale Wirtschaftsbündnisse
dar, und in ihnen wurzelten oft unabhängige Entscheidungsträger
der örtli-chen Gemeindevertretungen .
Als sich nach dem Krieg 1946 allmählich
wieder politisches Leben abzeichnete, hieß es logi-scherweise für
viele Menschen: „ Nie wieder Partei!“; und in den Kommunen hatten in jenen
Tagen existentielle Themen wie„ Ein Dach über dem Kopf“ oder „Etwas
zum Beißen“ Vorrang. Dagegen gehe es heutzutage vergleichsweise nur
um minimale Probleme, ja Nichtigkeiten, im gemeindlichen Entscheidungsprozeß.
Auch der gesellschaftliche Wandel
an der Schwelle zum 21.Jahrhundert müsse ernst ge-nommen werden.
Lokale Mandatsträger hätten daher künftig die Auswirkungen
der zerfallen-den Familienstrukturen in ihre vielfältigen Beschlüsse
mit einzubeziehen. Hoffentlich ist nicht der von der Geburt bis zum Tod
dienstleistungsbetreute Mensch das Ende dieser unseligen Entwicklung, die
jeder vorausplanende Stadtrat entscheidend beeinflussen müsse. Analoge
Veränderungen gebe es im Freizeitangebot mit einer „ Pflichtmotorisierung“
jedes jungen Erwachsenen oder dem um sich greifenden „Event-Gedanken“.
„Wie begegne ich ortspolitisch diesen Tendenzen?“, fragte Dr. Geiger weiter.
Auf dem Arbeitsmarkt bedrängen Ostöff-nung und Computertechnik
im Zeitraffertempo traditionelle Wirtschaftsstukturen. So sollten die Verantwortungsträger
für das Gemeinwohl alle möglichen Einflüsse auf den heimischen
Wohn- und Wirtschaftskreis voraus bedenken.
Hier gebe es ein reiches Betätigungsfeld
für Freie Wähler, die sich allein ihrem Gewissen verpflichten,
so sie als Personen mit Lebenserfahrung, Bekanntheitsgrad, Engagement und
vernünftiger Einstellung das Wählervertrauen erlangten. Deshalb
sei es auch in Zukunft Tra-dition der Freien Wähler, auf der überschaubaren
kommunalen Ebene mit den Parteien zum Wohl der Bürgerschaft in Wettbewerb
zu treten, ohne daß die politische Partei als Gegner gesehen werde,
die schädlich oder falsch handle. Gerade die Konzentration auf den
örtlichen Bereich und die absolute Unabhängigkeit mache die Stärke
der FW-Repräsentanten aus; zudem werde dem mündigen Bürger
neben der allzu bequemen „Farbwahl“ das personelle Auswahlangebot erweitert.
Eine klare Absage erteilte der
Redner Spekulationen für eine Betätigung auf den gesetzgebenden
politischen Ebenen. Hierzu genügten die oben genannten Schlüsselqualifikationen
nicht mehr. Die unterschiedlichen Erfüllungsbedingungen und bilateralen
Verantwortungsbe-reiche: Pflicht des Gesetzesvollzugs gegenüber dem
Bürger einerseits und die Einhaltungs-pflicht gegenüber dem Gesetz
andererseits kollidieren häufig. Aus dieser Sicht nur läßt
sich das Selbstverständnis der Freien Wähler erklären: Es
kann niemals parteiprogrammatisch festgelegt sein! Landtagswahlen erfordern
Regeln, die flächendeckend zwischen Hof und Berchtesgaden allgemein
verbindlich sein müssen. Solche Gesetze aber berücksichtigten
nicht die gemeindliche Individualsituation.
„Diese parteifreie Unabhängigkeit
ist das einzigartige Profil der Freien Wähler!“, schloß Dr.
Geiger. „ Es hat mich seinerzeit für die eigene politische Arbeit
motiviert, und ich bin stolz darauf, daß diese Überzeugung von
der Führungsriege der Freien Wählervereinigung Kolbermoor verbindlich
ins neue Jahrtausend getragen wird.“
Mit der Bitte an Herrn Bürgermeister
Reimeier und die anwesenden Stadträte, die Freien Wähler ebenso
als Mitbewerber um Mandate zum Wohle der Gemeinschaft im Rahmen
die-ses unvorstellbaren Wandels zu betrachten, beendete der Referent unter
Applaus seine Ausführungen.

Im Bild von rechts: FW-Stadträte Josef Hartinger jun., Dieter Kannengießer, FW-Ortsvorsitzender Rainer Laukemper, Festredner Dr. Martin Geiger, Bürgermeister Ludwig Reimeier
Günter Schirmer - FW Pressereferent