Bürgerzeitung Kolbermoor 1/1999
Überlegungen der Freien Wähler zum
Jahreswechsel
In der Jahresabschlußsitzung des Stadtrates
wurde von den Freien Wählern folgende Erklärung abgegeben:
" Sehr geehrte Damen und Herren,
der Jahreswechsel gibt Anlaß, sowohl einen
Rückblick als auch eine Vorschau auf unsere Aufgaben im örtlichen
Wirkungskreis zu nehmen. Aus Sicht der Freien Wähler verlief die Zusammenarbeit
mit den Fraktionen und der Verwaltung recht positiv. Erlauben Sie mir dennoch
über einige Punkte nachzudenken.
1. Erfüllt der Staat seine Verfassungspflichten
im Bereich des Breitensports ?
2. Können Entscheidungskompetenzen vom
Stadtrat an die Verwaltung übertragen werden ?
3. Wie üben wir als Stadtrat unsere
Planungshoheit aus ?
1. Erfüllt der Staat seine Verfassungspflichten
im Bereich des Breitensports ?
Lassen Sie mich auf die Volksentscheide über
die Änderung zur Bayerischen Verfassung am 08. Februar dieses Jahres
im Hinblick auf die Weiterentwicklung im Bereich der Staatsziele eingehen.
Insbesondere will ich hier einen Punkt herausnehmen und seine Wirkung auf
unseren Ort vergleichen. Der Art. 140 BV erhielt folgenden Abs. 3 hinzu
:- " Das kulturelle Leben und der Sport sind von Staat und Gemeinden zu
fördern.".
Die Errichtung der Freizeitsportanlage westlich
des neuen Friedhofs bleibt ohne staatliche Förderung, da diese dem
Breitensport dient. Der Freistaat hat die Förderung des Breitensports
über Kommunen durch die Änderung des Finanzausgleichsgesetzes
seit einiger Zeit gestrichen. Diesen neuen Verfassungsrahmen müßte
er jedoch finanziell entsprechend ausstatten. Unabhängig davon kommt
die Stadt aber ihrer verfassungsmäßigen Verpflichtung durch
einen erheblichen finanziellen Einsatz nach.
2. Können Entscheidungskompetenzen vom
Stadtrat an die Verwaltung übertragen werden ?
Wir sollten auch bemüht sein, über
unseren Entscheidungsrahmen im Stadtrat nachzudenken. Bald haben wir die
Hälfte unseres zeitlich begrenzten Wirkens in dieser Amtsperiode erreicht.
Es erscheint sinnvoll, unsere in eine Geschäftsordnung gepackte
Aufgabenstellung zeitgemäß anzupassen. Das Vertrauen in Bürgermeister
und Verwaltung erlaubt es sicher, diverse Entscheidungskompetenzen
als laufende Verwaltungsgeschäfte zu sehen. Damit hätte der Stadtrat
mehr Zeit für wesentliche Überlegungen zu Rahmenbedingungen.
Zudem könnten manchmal die knappen Zeitpläne unserer Sitzungen
besser eingehalten werden. Lassen Sie mich einige Bespiele dafür nennen:
Der Bauausschuß hätte sicher nichts
dagegen, wenn unproblematische vereinfachte Bauleitplanverfahren oder kleinere
Bauanfragen wie z. B. Garagen, Balkone von der Verwaltung selbst entschieden
werden können.
Die Anpassung der Geschäftsordnung wäre
durch ein Zusammenwirken zwischen Verwaltung und Mandatsträgern durchaus
denkbar.
3. Wie üben wir als Stadtrat unsere
Planungshoheit aus ?
Wie Sie wissen wird unsere Stadtentwicklung durch
den Flächennutzungsplan gesteuert. Selbstverständlich sind wir
uns im klaren, daß Raumentwicklungen nicht an der Stadtgrenze aufhören.
In diesem Zusammenhang wurde bereits 1996 eine Vereinbarung "Arbeitsgemeinschaft
Stadt und Umlandbereich Rosenheim" geschlossen. Diese strebt auf folgenden
Gebieten eine noch engere Zusammenarbeit an : Siedlungswesen, Wirtschaft,
Verkehr mit ÖPNV, Umwelt und Landschaft, soziale Einrichtungen, Bildung
und Kultur, Ver- und Entsorgung. Im Mai diesen Jahres stimmten wir dem
Beitritt zum Verein "Euregio Inntal" zu, der etwa zweckgleich die regionale
grenzüberschreitende Zusammenarbeit unterstützen und koordinieren
soll.
Leider sind diese Konzeptionen oft nur Wunschdenken,
wenn wir z. B. auf die Entscheidungen der Nachbargemeinden hinsichtlich
der geplanten Großmöbelhäuser blicken. Als betroffene Anrainer
haben wir als Stadtrat es diesbezüglich im Raumordnungsverfahren durch
Mehrheitsbeschluß unterlassen, vielleicht aus falsch verstandener
gegenseitiger Rücksichtnahme, auf die negativen Auswirkungen für
Kolbermoor Stellung zu beziehen.
Für die Entwicklung des ehemaligen Spinnereigeländes
hat uns die Firma Anterra Gestaltungsmöglichkeiten aufgezeigt, die
hauptsächlich deren Vermarktungsinteressen berücksichtigen. Konkrete
Planungen wurden bisher nicht eingereicht. Gerade dieses Entwicklungsgebiet
stellt eine große Herausforderung dar und verlangt von unserer Seite
eine behutsame, bedarfsgerechte und vorausschauende Ausübung unserer
Planungshoheit.
Bevor ich zum Schluß komme, lassen Sie
mich auf wenige Aufgaben hinweisen, die im Jahr 1999 zur Lösung anstehen:
- Eingangs habe ich das neue Sportgelände
westlich des neuen Friedhofs erwähnt. Hier müssen wir erwarten,
daß uns die Verwaltung vor der Fertigstellung der Anlage eine praktikable
Regelung für Schul-, Freizeit- und Vereinsnutzung vorlegen kann.
- Durch die Wiedereröffnung des Jugendheims
in der Pfarrei Wiederkunft Christi kann ein Teil der Bedürfnisse für
die Jugend abgedeckt werden. Die angekündigte Schaffung des offenen
Jugendtreffs darf dadurch jedoch nicht in den Hintergrund treten.
- Ob wir bei der künftigen Vergabe von Bauland
für Einheimische einen sozial gerechten Weg gehen, wird wohl in den
Festlegungen unserer bald zu erlassenden Vergaberichtlinien liegen. Die
Anzahl der zur Verteilung anstehenden Grundstücke sollte jedoch nicht
überproportional zum Verhältnis der Infrastrukturentwicklung
stehen. Dies könnte bedeuten, daß wir nur ein gewissen Anteil
von Parzellen zur jährlichen Vergabe bereitstellen.
- Der westliche Teil des sog. "Hundertmeterbaues"
an der Carl-Jordan-Straße wird 1999 mit ca. 4,7 Mio. DM Aufwand saniert
und zu einem erheblichen Teil staatlich bezuschußt. Diese hohe Investition
zeigt, daß es dem Stadtrat mit dem gepflegten Ortsbild, welches das
Ansehen der Stadt Kolbermoor fördert, sehr ernst ist.
Diese gewiß unvollständige Aufzählung
von Überlegungen und Hinweisen zeigt, daß das kommunale Spektrum
sehr umfassend ist. Verständliche und nachvollziehbare Beschlußfassungen
führen zu einer zufriedenen Grundstimmung und regen Beteiligung unserer
Bürger am örtlichen Geschehen.
In der Hoffnung auf ein gutes Gelingen im neuen
Jahr darf ich Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und schöne Feiertage
wünschen.
Dieter Kannengießer - FW Stadtrat